Die geistigen Stufen zur Vollkommenheit

In der "Scala claustrium" zählt der Kartäusermönch Guigo II. ( 12. Jh. ) vier geistige Stufen auf: Lectio ( = Lesung der Heiligen Schrift ), meditatio ( = Betrachtung ), oratio ( = Gebet ) und contemplatio ( = Beschauung beziehungsweise mystische Erfahrung ). Der Prior erläutert die vier Vollzüge: "Die Lesung sucht die Seligkeit des ewigen Lebens, die Meditation findet sie, das Gebet erfleht sie. Die Kontemplation verkostet sie." In einem anderen Durchblick führt er dem Leser vor Augen, "dass die Lesung das Fundament darbietet, die Meditation den verborgenen Schatz ausgräbt und weiterführt zum Gebet; dieses wendet sich mit allen Kräften Gott zu und erbittet den begehrenswerten Schatz: die Freude der Kontemplation."

Eine ähnliche Stufenabfolge beschreibt die Karmeliterin Teresa von Avila ( 1515 – 1582 ) in ihrem Werk "Die innere Burg". Der Schlüssel zu dieser Burg ist das innere Gebet, dessen Stufen und Eigenschaften Teresa in diesem Werk erläutert: Im ersten Teil, von der ersten bis zur dritten Wohnung, hat das aktive oder diskursive Gebet seinen Platz. Im zweiten Teil, von der vierten bis zur sechsten Wohnung, tritt das passive oder beschauliche Gebet an dessen Stelle. Auf dieser Stufe kommt es zur ansatzweisen, zeitweiligen Vereinigung mit Christus. Die siebte Wohnung ist der Ort der mystischen Vermählung mit dem himmlischen Bräutigam. Durch diese Vermählung fühlt sich die Seele endgültig und unwiderruflich mit Christus verbunden.

Der Kern der christlichen Mystik ist demnach die Verschmelzung von Göttlichem und Menschlichem ... eine Erfahrung, die einen so sehr verwandelt, dass man sich vorkommt, ein anderer Mensch geworden zu sein. Als Frucht dieser inneren Wandlung tritt dann eine vollständige Veränderung im äußeren Leben ein. Es ist, als wenn man in das Reich Gottes eingetreten ist. Denn durch diese innere Wandlung ist einem eine neue geistliche Natur "von oben" geschenkt worden ... die Erlösung, die sich "plötzlich, in einem Augenblick" ( 1. Korinther 15, 52 ) durch das Einströmen des Göttlichen Geistes, dem "Geist der Gnade" ( Hebräer 10, 29 ), vollzieht.