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Liebe Leserin, lieber Leser, kaum ein anderes Gefühl beschäftigt die Menschen so sehr wie die Liebe. Über die Liebe werden unzählige Lieder gesungen, Geschichten geschrieben und Gedichte verfasst. Über die Liebe werden Vorträge gehalten, Seminare besucht und Studien durchgeführt. Dem Wort "Liebe" begegnen wir im Alltag sehr häufig, es ist für alle Menschen ein Thema. Und doch wird unter "Liebe" ganz verschiedenes verstanden. Wenn ich einmal diese Verschiedenheiten so betrachte, ergeben sich für mich folgende Fragen: Kann es für uns Menschen - angesichts der immer wieder auftretenden Probleme ( zum Beispiel: Die aus der Existenzangst resultierende Ablehnung von jeder neuen Lebensform ) - überhaupt eine Gemeinschaft der Liebe geben? Wie muss diese aussehen? Bedarf es für die Liebe des Rückzuges aus der Welt oder reicht es, den Frieden in uns zu bewahren, den Gott in unser Inneres spricht? Nun, nach meiner Auffassung wird durch das Zusammenwachsen der Weltwirtschaft auch unser Leben immer mehr verändert. Es ist für mich keine Liebe, wenn sie sich zurückzieht. Die Liebe gilt es vielmehr aufgrund eines reinen Herzens und eines guten Gewissens zu empfangen. Sie bedeutet, der Welt das Göttliche zu vermitteln und "in der Welt" zu sein, aber nicht "von der Welt" ( Johannes 17, 11+14 ). Dem Herrn gilt es zu dienen und zu tun, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander. Paulus schreibt ( 1. Timotheus 1, 5 ): "Das Endziel aller Unterweisung ist die Liebe aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem ungeheuchelten Glauben." Ich glaube, das war es, was die Menschen vor ca. 2000 Jahren an Jesus Christus so überzeugte: Das reine Herz Jesu und das Eingreifen des Vaters in das Leben Seines Sohnes. Durch diese Liebe – die Liebe des Vaters zum Sohn - konnte Jesus die Menschen von Grund auf verändern, denn sie spürten Gottes Kraft von Seinem Leibe ausgehen und am eigenen, schäbigen Egoismus: Ihr Leben wurde völlig erneuert, weil sie die Kraft, die von Jesus Christus ausging ( und heute noch ausgeht ), persönlich kennen lernten. Für die Menschen zur Zeit Jesu war es also nicht allein entscheidend, dass Jesus vom Reich Gottes und der Liebe des Vaters predigte, sondern dass sie in Ihm den Gott der Liebe begegneten: Jesus Christus war die sichtbar gewordene Liebe Gottes. Aus diesem Grund wurde Sein Leben beispielhaft für uns Menschen. Er wurde vom Vater berufen und Sein Leben wurde nicht von Ihm, sondern vom Vater verherrlicht. Paulus schreibt hierzu ( Römer 8, 28 ): "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach Seinem Ratschluss berufen sind." Unser Leben wird also beschützt, sofern wir es nicht der Welt ( dem Zeitgeist ) anpassen, sondern es nach Gottes Wort hin ausrichten und es von Gott selbst erlösen lassen: Gottes Wille ist das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene – wie es denn auch heißt ( Micha 6, 8 ): "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." Wie geschieht dies? Nun, Gott hat uns zwei Ohren geschenkt und nur einen Mund – damit wir mehr hören als reden. Romano Guardini ( 1885-1968 ) schreibt: "Die Zukunft des Menschen hängt davon ab, ob er wieder lernt zu schweigen, sich zu sammeln, seiner selbst mächtig zu werden, Abstand zu gewinnen, den Sinn der Vorgänge zu sehen, nicht aus dem Gedränge der Vorteile und Parolen, sondern aus dem Wesen der Dinge heraus zu entscheiden." An der Liebe, die sich im praktischen Leben auswirkt, wird der Jünger Jesu erkannt. So lesen wir bei Isaak von Ninive ( 640-700 ): "Liebe die Stille über alles. Sie bringt dir eine Frucht, die sich mit keiner Zunge beschreiben lässt. Im Anfang sind wir es, die wir uns selbst zwingen zu schweigen. Dann wird aus unserer Stille etwas geboren, was uns in die Stille lockt. Möge Gott dir geben, zu fassen, was aus der Stille geboren wird." Unsere Aufgabe ist es nunmehr, den Mitmenschen zu zeigen, wozu das Wort Gottes in uns fähig macht. Denn Jesus sagt ( Matthäus 24, 12 ): "Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten." Wenn wir also unsere Lebens- und Denkweise, die vom Wort Gottes geprägt ist, in die alten Strukturen hineintragen, dann wird dadurch das Alte zusammenbrechen, und es wird nur bleiben, was wirklich gut und menschlich ist. Ein Beispiel zu einem solchen Tun liefert uns Jesus Sirach. Er schreibt ( Sirach 20, 8 ): "Wer viele Worte macht, verletzt seine Seele." Jesus Sirach stellt damit das Kerngeschehen der Geschwätzigkeit heraus: Der Schnell- und Vielredner entfremdet sich in seinen vielen Worten von sich selbst ( Sirach 20, 8+18 ). Das hat zur Folge, dass er auch im gesellschaftlichen Umgang nicht aufbauend wirkt ( Sirach 20, 5+16-17+19-20 ). Dem steht der Schweigsame gegenüber, der sich zu zügeln weiß. Ein solcher ist sich nicht fern, er ist er selbst. Mit seiner Ehrfurcht baut er die Gemeinschaft auf. Er spürt, welches der richtige Augenblick zum Reden ist und welches die richtigen Worte sind ( Sirach 20, 1+6+7 ). Man erfährt ihn als weise und angenehm ( Sirach 20, 5+8+23 ). Es gilt: Wenn man spricht, muss man die Worte, die man gebraucht, genau abmessen, das heißt, genau so viel aussprechen, wie im Herzen lebendig und für die Sache, um die es geht, notwendig ist. Abgewogen reden. Von daher kann der Kirchenvater Aurelius Augustinus ( 354-430 ) sagen: "Liebe, und tu, was du willst." Viele große Gestalten der Kirchengeschichte - ja, Christus selbst - sind den Weg der Einsamkeit – zum eigenen Heil und zum Segen für viele - freiwillig gegangen. Ihr Weg zeigt: Allein sein macht empfänglich für innere Werte und das Hinhorchen auf Gott. Der Einsame, in sich Gesammelte ist viel mehr imstande, die leisen Stimmen der Dinge, der Menschen und die Stimme Gottes zu hören – ja, Gott selbst, der ewig Gegenwärtige, wird dem einsamen Menschen zum Gesprächspartner. Wer in dieser Gottverbundenheit Seine Liebe weiterschenkt, wird für andere eine Zufluchtsstätte sein. So gesehen stehen dem einsamen Menschen unbegrenzte Möglichkeiten offen. Im Schweigen des Alleinseins wird ihm oft größte Offenbarung zuteil. Denn in der Einsamkeit ruft es einem unüberhörbar zu: Mensch, werde wesentlich! Denke an deinen Schöpfer und Herrn, damit du erkennst, wozu du in dieser Welt lebst: um Ihm zu dienen, damit Er dich in Seine ewige Freude und Liebe hineinnimmt. Ihm folge zuerst, dem ganz Heiligen. Was helfen dir noch so viele Menschen, wenn du mit Ihm nicht verbunden bist? Ohne Ihn bist Du ankerlos. Wer also fruchtbringend arbeiten will, braucht zuvor betrachtende Stille. Der Apostel Paulus schreibt ( Apostelgeschichte 17, 27-28 ): "Gott ist keinem von uns fern. In Ihm leben wir ja, bewegen wir uns und sind wir." So ist Gott uns zuinnerst gegenwärtig. Wie unsere Seele den Leib belebt, so belebt Gott unsere Seele. Er ist die Seele unserer Seele. Er ist uns näher als wir uns selbst sind. Je mehr wir uns mit Ihm vereinigen, desto näher kommen wir zu unserem wahren Ich. Augustinus schreibt: "Die Wahrheit wohnt im Innersten des Menschen", und er lädt damit die Menschen zum inneren Gebet ein. Das innere Gebet kann für jeden Menschen anders aussehen – und doch steht am Anfang immer, dass wir uns von allen äußerlichen Eindrücken freimachen, um uns ganz in unser Inneres zu versenken, wo Gott gegenwärtig ist. So können wir still bei Ihm verweilen und uns in Seiner Liebe sonnen. Jesus selbst fand in dieser Einsamkeit die stärkende Zweisamkeit mit dem himmlischen Vater. So lesen wir in den Evangelien öfters, dass sich der Heiland vor der Menge in die Einsamkeit zurückzog, um mit Seinem Vater im Gebet zu sprechen ( Markus 1, 35; Lukas 5, 16 ). Er sagt ( Johannes 8, 29 ): "Mein Vater lässt Mich nicht allein, weil Ich immer das tue, was Ihm gefällt." An dieser Stelle sei auch an den Ausspruch Gottes erinnert ( Jesaja 49, 15 ): Auch wenn eine Mutter ihres Kindes vergäße – Ich vergesse deiner nicht! Siehe, in Meine Hände habe Ich dich geschrieben. Und Teresa von Avila ( 1515–1582 ) schreibt: "Nichts verwirre dich, nichts erschrecke dich, alles geht vorüber, Gott ändert sich nicht. Die Geduld erreicht alles. Wer Gott besitzt, dem mangelt nichts; Gott allein genügt." Es ist interessant, zu sehen, dass gerade jene, um die sich später viele scharten und die Führer im geistlichen Leben wurden, zuvor in der Einsamkeit gesucht und gefunden hatten. Für sie gilt das Wort Jesu ( Johannes 15, 5 ): "Wer in Mir bleibt, und in wem Ich bleibe, der bringt reiche Frucht." Somit bildet die Stille den Kern des gerechten Handelns und des wohlbedachten Redens. Diese Stille, die die Pflege der Gerechtigkeit ist, müssen auch wir sorgfältig und behutsam wahren. Sie will in alle Schichten unserer Persönlichkeit eindringen, um von innen aus unser Reden und Handeln zu durchdringen. Sie will, dass der Herr in unserem Leben immer mehr zum Reden kommt und uns von der ängstlichen Egozentrik befreit. Sie bedeutet: Gutes tun ohne jede Berechnung, blindes Vertrauen und stilles Erwarten. Jesus sagt ( Matthäus 20, 26-28 ): "Wer immer unter euch groß werden will, der sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht: gleichwie des Menschen Sohn nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben." Hinter diesen Sätzen verbirgt sich absolutes Gottvertrauen. Jesus hebt dies noch deutlicher hervor in der Ent-eig-nung allen Besitzes ( Matthäus 8, 20 ): "Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels ihre Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo Er Sein Haupt hinlege." Ein solcher Satz bezweckt die Loslösung der Seele von der einseitigen Ausrichtung auf die materiellen Güter. Keiner der Menschen soll sagen, dass etwas sein Eigentum sei, sondern alles sei ihnen gemeinsam. Diese Grundeinstellung verfolgt auch die Regel des Augustinus: "Und sagt nicht, dass etwas Eigentum ist, sondern alles sei euch gemeinsam und jedem von euch werde zugeteilt von eurem Oberen Nahrung und Kleidung, nicht jedem gleichviel, weil ihr nicht alle gleich stark seid, sondern lieber jedem nach seinem Bedürfnis. So lest ihr ja in der Apostelgeschichte ( Apostelgeschichte 4, 32+35 ): Alles war ihnen gemeinsam, und jedem wurde zugeteilt, je nachdem er bedurfte." Augustinus bezweckt mit dieser Regel eine Gemeinschaft, die "ein Herz und eine Seele" ( Apostelgeschichte 4, 32 ) ist. Das Aufgeben des eigenen Besitzes hat hier zum Ziel, den Egoismus und die Habsucht, den Drang nach Herrschaft und Macht auszuschalten; denn gerade diese hindern die Menschen daran, zur wahren Gemeinschaft miteinander zu kommen. Viel wichtiger als die äußere Gütergemeinschaft ist also die innere Einstellung der Menschen zueinander. In diesem Sinne kann auch Paulus sagen ( Galater 6, 2-4 ): "Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem anderen." Ein Mensch, der versucht, hiernach zu leben, wird erfahren, dass das Wort Gottes den Hass der Welt anzieht ( Johannes 15, 19 ) – wie auch Paulus schreibt ( 2. Timotheus 3, 12 ): "Und alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden." Der Hass der Welt ist somit die Konsequenz des Christseins, wenn es heißt ( 1. Johannes 2, 15 ): "Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt liebhat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters." Diese Feindschaft der Welt zum Wort Gottes beschreibt die Bibel anhand der Geschichte Israels ... und wie oft hat Israel als Volk Gottes erfahren, wie es von Gott befreit und später immer wieder vor der Vernichtung bewahrt wurde ( Psalm 80 ). So erging es zum Beispiel David, als ihn, den Hirtenjungen, der Prophet Samuel zum künftigen König gesalbt hatte. In den Folgejahren musste David oftmals vor dem König Saul fliehen, weil dieser eifersüchtig auf ihn war und ihn töten wollte. Doch Gott hatte ihn nicht vergessen und was Er verspricht, das hält Er immer: So wurde David zum Herrscher über ganz Israel bestellt und der Herr segnete und bestätigte ihn in seinem Königtum. Er war ein Mann nach dem Herzen Gottes. David selbst dichtet hierzu in einem Psalm ( Psalm 27, 14 ): "Hoffe auf den Herrn, und sei stark! Hab festen Mut, und hoffe auf den Herrn!" Und in einem anderen Psalm lesen wir ( Psalm 73, 23–25 ): "Ich aber bleibe immer bei Dir, Du hältst mich an meiner Rechten. Du leitest mich nach Deinem Ratschluss und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit. Was habe ich im Himmel außer Dir? Neben Dir erfreut mich nichts auf der Erde." Dies schreibt auch Paulus ( Römer 8, 31 ): "Ist Gott für uns, wer mag gegen uns sein?" Der Herr will uns führen und behüten wie David. Er hilft uns, so dass wir unseren Mitmenschen Gutes tun können ... und wir können beten: Gott, Dir gehören meine Füße, ich möchte für Dich laufen. Gott, Dir gehören meine Hände, ich möchte für Dich arbeiten. Gott, Dir gehört mein Augenlicht, ich möchte für andere da sein. Gott, Dir gehört, was ich höre, ich möchte auf Dich hören. Gott, Dir gehört auch, was ich rede, ich möchte zu Dir beten. Gott, Dir gehört mein Verstand, ich möchte an Dich denken. Gott, Dir gehört mein Leib, ich möchte für Dich leben. Amen. Gott liebt Seine Geschöpfe und es ist Ihm eine Freude bei den Menschen zu wohnen. Seine Vorsehung bestimmt von daher den Lauf der Dinge und das Schicksal der Menschen. Er lässt nicht zu, dass die Finsternis des Irrtums Macht über diejenigen gewinnt, die fest in Seiner Liebe verwurzelt sind. Er macht die Gläubigen hellhörig für ihre Aufgabe in dieser Zeit und gibt ihnen auch die Kraft, diesen Auftrag zu erfüllen. Durch ihr Leben hebt Er sich als Licht in der Finsternis hervor ( Johannes 8, 12 ) – wie dies auch auf dem beiliegenden Bild mit Maria geschieht.Dieses Bild von Bernardino Luini ( 1480-1532 ) – einem Schüler von Leonardo da Vinci ( 1452-1519 ) – ist angesiedelt zwischen Visuellem und Transzendentem. Der Maler verfolgt offensichtlich das Ziel, nicht nur die natürliche Wirklichkeit nachzuahmen, sondern auch die Wahrheit, die jenseits der äußeren Erscheinungsform liegt, darzustellen. So leuchtet durch das zarte Gesicht Marias die göttliche Sphäre auf den Betrachter hindurch, der in ihr ein anschauliches Vorbild an Rechtgläubigkeit und christlicher Tugendhaftigkeit sieht. Marias Gesicht erscheint uns demütig, fromm und friedliebend, vergeistigt und immateriell – gleich dem Spiegelbild des Allerhöchsten: In Seiner Schönheit ist Er zeitlos und ewig. Wenn wir das Bild vor diesem Hintergrund betrachten, strahlt es eine ungeheure Würde und meditative Ruhe aus: Es besitzt diese beruhigende und die Meditation fördernde Ausstrahlung. Marias Gesicht wird zu einem Aufruf, das Böse fernzuhalten und das Gute im Innern zu schützen. Schweigend in Meditation versunken, in ein inneres Gespräch vertieft, spiegelt Marias Gesicht aber auch die Reinheit ihres Herzens wider. An ihrem Gesichtsausdruck können wir erkennen, was in ihr lebendig ist: Maria weiß in ihrer geistigen Tiefe zu unterscheiden, welche Gedanken aus dem Dunklen sie in sich hereinlässt und welche sie als schlecht und schädlich abweisen soll. In ihrer ständigen Gewissensüberprüfung richtet sie sich allein auf das Gute aus – wie auch Jesus sagt ( Johannes 15, 4 ): "Bleibt in Mir, und Ich bleibe in euch. Gleichwie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in Mir bleibt." Diese Unterscheidung der Geister sorgt bei der Einrichtung unseres Lebens für das Gleichgewicht zwischen innen und außen, Leib und Seele, Besinnung und Arbeit, Person und Gemeinschaft. Beim Beten und Wachen, bei Stille und Einsamkeit, sorgt die heilige Erwägung der Gedanken dafür, dass Übertreibungen nach beiden Seiten ( zuviel und zuwenig ) vermieden werden. Sie hilft erkennen, woher etwas kommt: vom guten oder vom bösen Geist. Sie ist die Kompassnadel des lauteren Empfindens und des guten Gewissens. Sie hilft uns, die richtige Entscheidung zu treffen. Sie lehrt uns, durch Tatsachen und Ereignisse hindurchzuschauen, komplexe Situationen zu enträtseln. Sie erleuchtet wie eine Lampe das Innere unseres Hauses und erkennt die Zweideutigkeiten in unseren Motiven. Sie unterscheidet zwischen verlässlichen und zweifelhaften Einflüsterungen. Indem wir anhand der Unterscheidung nach den Wegen suchen, welche die Seele näher zu ihrer Quelle bringen, stellen wir die Liebe zu Gott in die Mitte unseres Lebens. Diese Liebe lehrt uns das konkrete Leben und Zusammenleben zu durchschauen. Sie lehrt wahrnehmen, was in uns umgeht ... und indem wir alle in dieser Mitte zusammenkommen, kann der Eine in unsere Mitte kommen; indem wir intensiv zuhören und reden, kann die Liebe die Chance erhalten, in unserer Mitte ihr Werk zu verrichten. Durch aufrichtiges Reden und wahrhaftes Handeln beginnt das Wort Gottes in uns zu wohnen, wie es in Jesus Christus sichtbar wurde. Darin besteht also unser gerechtes Tun: Es bezieht die Liebe mit ein und verhilft anderen, dass sie zur Wahrheit kommen können und darin bewahrt bleiben. In diesem Tun – der Liebe zu Gott und zu dem Nächsten – liegt das wahre Leben, das Vertrauen unter den Menschen schafft. Im Vertrauen auf Gottes Berufung - Sein Wort - liegt der Sieg der Liebe. Alle, die nunmehr an Jesus Christus glauben und in tiefer Gemeinschaft mit Ihm leben, erfahren diesen Sieg im Heiligen Geist, den Geist der Liebe und Besonnenheit. Darum heißt es: Man solle Gott über alles lieben, was soviel sagen will als: Mehr, als alles in der Welt. Denn Gott ist die Quelle des Lebens aller Menschen ... und alle Menschen sind Seine Geschöpfe. Paulus schreibt ( Kolosser 1, 16–17 ): "Denn in Ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, ... es ist alles durch Ihn und zu Ihm geschaffen. Und Er ist vor allem, und es besteht alles in Ihm." Alles gehört Christus an und der Mensch lebt in Christus als soziales Wesen: Alle Menschen sind Brüder! Ja, was ist besser und was ist angenehmer als das Leben der Brüder in der Gemeinschaft mit Gott ( Johannes 15, 12 )? Demnach erschöpft sich der Sinn des Lebens nicht in Arbeit und Produktion, sondern darin, dass ein Mensch mit Gott lebt und sich aus Gott heraus bewegt. Paulus schreibt hierzu ( 1. Korinther 10, 31 ): "Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zur Ehre Gottes." Kinder Gottes bleiben somit diejenigen, die sich niemals von Gott trennen; weder aus Furcht vor dem Angedrohten, noch aus dem Verlangen nach dem Versprochenen, sondern aus innerer Neigung und Gewöhnung an das Gute, entsprechend der Haltung und Stimmung ihrer Seele. Gemäß jenem Kind, zu dem gesagt wird: "Du, Mein Kind, bist immer bei Mir, und alles, was Mein ist, ist auch dein," sind diese Menschen der Gnade nach das, was Gott nach Seiner Natur und Seinem Grund ist. Für sie beruht die natürliche Welt nicht auf dem Krieg oder auf dem Kampf ums Überleben – wie es besonders im Darwinismus verstanden wurde -, sondern auf der friedlichen Beziehung und Zusammenarbeit zwischen dem Menschen, seinem Nächsten und der Natur. Denn es heißt ( 1. Mose 1, 31 ): "Gott sah alles an, was Er gemacht hatte und es war sehr gut." Alle Geschöpfe sind Produkte des Willens Gottes. Von daher ist eine Freiheit des Menschen ohne Gott nicht möglich, doch dem Menschen ist es freigestellt, sich mit Gott zu verbinden und in enger Gemeinschaft mit Ihm, dem Geist der Liebe, zu leben. Wir finden hierzu in der Bibel die Geschichte, wo Martha im Haus des Lazarus all ihre Kräfte aufbietet, um Jesus gebührend zu bedienen, während ihre Schwester Maria vor lauter Freude über den erhabenen Gast sich untätig zu Seinen Füßen hinsetzt und Ihn mit der größten Aufmerksamkeit anhört. Maria betätigte sich der "ersten Liebe", von der die Gläubigen der Gemeinde in Ephesus nach Offenbarung 2, 4 abgewichen sind. Die aus dieser Gesichte heraus resultierende Kirche ist also zuerst gottorientiert, d.h. primär theologisch, und dann erst eine soziale Größe. Denn wir können nicht zwei Herren dienen. Entweder wir lassen uns durch das, was in der Welt hochgeachtet ist, verleiten und bestimmen, oder wir trachten zuerst nach dem Reich Gottes und nach Seiner Gerechtigkeit. In der Didache der zwölf Apostel ( 10, 6 ) wird hierzu folgende Bitte ausgedrückt: "Möge die Gnade kommen und diese Welt vergehen." Wenn in diesem Brief von Gnade die Rede ist, so ist damit nicht nur die natürliche sondern auch die übernatürliche Gnade gemeint. Die natürliche Gnade offenbart sich in der Welt, in der Geschichte und im Gewissen des Menschen. Sie allein kann jedoch dem Menschen die Erlösung und das Heil nicht verschaffen, deshalb muss sie durch die übernatürliche Gnade ergänzt werden. Mit der übernatürlichen Gnade ist das Geschehen gemeint, durch das sich Gott den Menschen im Heiligen Geist unmittelbar offenbart ( Johannes 15, 26 ). Es ist die mystische Vereinigung mit Christus, in der ein jeder seine Erfüllung findet, wenn er Gott persönlich erkennt und von Gott persönlich erkannt und geliebt wird. Diese erlebte Erkenntnis Gottes veranschaulicht der Kirchenvater Dionysius Areopagita mit dem Aufstieg Moses auf den Berg Sinai. Auf der Spitze des Berges "trifft er Gott, er schaut ihn aber nicht, da Er unsichtbar ist. Er schaut nur den Ort, wo er ist. So wird er sofort von allem Sichtbaren und von allem Sehenden ( also auch vom Subjekt, von sich selbst ) befreit, und er dringt wirklich in die geheimnisvolle Finsternis der Unkenntnis ein. Da legt er alle Erkenntnismöglichkeit ab und gelangt in das absolut Untastbare und Unsichtbare; so ist er ganz jenseits aller und gehört niemanden an, weder sich selbst, noch einem anderen. Vielmehr wird er durch die Untätigkeit jeglicher Kenntnis völlig mit dem absolut Unbekannten vereint, und er erkennt über alle Vernunft, dass er nichts erkennt." In der Bibel heißt es hierzu ( 2. Mose 33, 20 ): "Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der Mich sieht." Das Wesen eines unsichtbaren Gottes lässt sich also nur vergleichsweise ausdrücken. Wenn Gott sich uns aber in einer Vision zu erkennen gibt ( vergleiche Jesaja 6, 1 ), so geschieht dies, weil Er sich herablässt. Er erscheint uns aber hier nicht wie Er ist, sondern Er zeigt sich uns so, wie beschaffen derjenige ist, der Ihn sehen kann; indem Er Sein Gesicht genau nach dem Maß der Schwäche der Sehenden zur Schau bringt. So sieht der Mensch eigentlich nicht Gott dem Wesen nach, sondern ein Bild von Ihm, das dem Auffassungsvermögen des Menschen entspricht. Wenn also ein Maler Gott – oder Maria – gegenständlich darstellt, so ist dies grundsätzlich nur ein Abbild, nicht die Person selber. Das Abbild ist ein Symbol für die Anwesenheit der Person. Der Maler gestaltet ein Abbild, das auf etwas Dahinterliegendes, Tieferes bzw. Höheres hinweist. In diesem Sinne erkennen wir durch das Anwesen Marias das Wesen Gottes. Gott selbst zu sehen, ist für uns unmöglich. So schreibt Johannes ( 1, 18 ): "Niemand hat Gott je gesehen." Er sagt dies, weil Gott unkörperlich ist. Sein Wesen ist gestaltlos und unbegrenzbar. Von daher sagt Jesus ( Matthäus 11, 27 ): "Niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will." Jesus Christus ist das irdische Bild des Vaters und somit auch das Bild der Gottheit, die uns in Ihrem Innersten unschaubar ist. So gesehen kann man das dunkle Gewölk, unter dem sich Moses auf dem Berg Sinai Gott nahte, mit der Dunkelheit des Mangels an Erkenntnis und Erfahrung der göttlichen Natur vergleichen. Je höher Moses stieg, je näher kam er Gott, aber gleichzeitig tauchte er tiefer in die Dunkelheit ein. Nach Dionysius Areopagita dringt er in die Dunkelheit der Unkenntnis ein. Dort verlässt er alle zur Erkenntnis führenden Wahrnehmungen und wird mit dem absolut Unantastbaren und Unsehbaren eins, indem er ganz jenseits von allem ist und niemandem, weder sich selbst noch einem anderen gehört, sondern sich mit dem völlig Unbekannten durch das Scheitern jeder Erkenntnis vereinigt. Gott ist nicht mehr Objekt, sondern Subjekt der Erkenntnis. Die Beziehung des Menschen zu Ihm ist nunmehr nicht mehr durch die Erkenntnis, sondern durch die Vereinigung gekennzeichnet. Das ist der Kern der Mystik, wenn es heißt: Das Heilige dem Heiligen.
In Liebe
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