
|
Liebe Leserin, lieber Leser,
Ist die Naturwissenschaft noch überzeugt, dass sie sich mit ihrem Werk Gott nähert?
Viele Menschen in unserer scheinbar so aufgeklärten Zeit lehnen den Begriff Wunder rundweg ab, überzeugt, dass die Naturgesetze in keinem Fall außer Kraft gesetzt werden können. Doch was wäre der christliche Glaube ohne Wunder? Sind es nicht gerade die Christen, die über den ganzen Globus verteilt begeistert davon berichten, welche Gnade ihnen Gott durch ihr Gebet widerfahren ließ? Gott ist - nach ihrem Verständnis - allmächtig und die Gesetze der Natur sind durch sein Wort erst erschaffen worden. Desweiteren ist zu beobachten, dass seit einigen Jahren immer mehr Menschen, die Jugend vor allem, an Pilgerfahrten zu Marienheiligtümern und zu Heiligenreliquien – allein in Deutschland gibt es über 200 Wallfahrtsorte – teilnehmen. Wie kommt das? Leben wir nicht in einer Zeit, in der uns die Wissenschaft ständig eines Besseren belehrt? Und doch gestehen selbst bedeutende Menschen, dass sie einer "täglichen Himmelfahrt" bedürfen, um sich die Lebendigkeit des Glaubens gegenüber der Gottlosigkeit des technischen Zeitalters zu erhalten. Für sie steht fest: Gott hat sich durch und in Seinen Heiligen uns geoffenbart hat. Er gab ihnen die Kraft und brachte durch sie Seine Früchte hervor. Ebenso geschieht es in der Schöpfung: Wie ein Kunstwerk das Wesen des Künstlers wiederspiegelt – was immer es auch darstellen mag -, so spiegelt die Schöpfung das Wesen des Schöpfers in allen ihren Bereichen wider. Gott ist alles in allem – und der Mensch Sein Ebenbild. Für Gott ist jeder Mensch mehr wert als der gesamte Kosmos und mehr wert als alles Wissen. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Erst im Menschen und durch den Menschen wird aus dem Sein Wissenschaft hervorgebracht und ins Dasein gerufen. Somit hat der Mensch den Auftrag, Gottes Wesen zu erfahren, zu erkennen und zu befolgen. Der Menschen kann sich in Gott selbst erkennen und sich Seiner Eigenschaften anzunehmen: Gott sagt immer die Wahrheit und will nicht, das wir uns belügen; Er hält, was Er verspricht und gibt sich durch Seine Werke, die sichtbare Schöpfung, uns zu erkennen. Wir wären Toren, wenn wir beim Betrachten dieser Schöpfung den Werkmeister nicht entdecken würden ( Weisheit 13, 1-3 ). So staunen wir über die wunderbare Ordnung, die überall herrscht. Jedes einzelne Lebewesen ist weise eingerichtet und in sich ein Kunstwerk. Angelus Silesius ( 1624-1677 ) schreibt hierzu: "Die Schöpfung ist ein Buch: wer’s weislich lesen kann, dem wird darin gar fein der Schöpfer kundgetan." Mit der Erschaffung der Welt durch Gott hat die Geschichte ihren Anfang genommen. Diese Geschichte ist aber kein Geschehensablauf eines programmierten Automaten, sondern lebendiges Geschehen freier Geschöpfe. Er gibt uns den freien Willen und ruft uns zum Dialog auf. Er eilt jedem Menschen nach, rührt ihn an und füllt ihn aus; Er erleuchtet uns und heiligt uns; Er lässt uns Sein ebenso gigantisches wie geheimnisvolles Wesen in der Welt – vom Atom bis zu den Sternenheeren des Weltalls - erahnen. Alle Mächte und Kräfte sind Wort Seines unwandelbaren Wesens, das in ewiger Ruhe alle Schöpfungskraft inne hat. Es heißt: Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Er schuf das Licht und das Firmament, das Land und das Meer, die Sterne des Himmels und alle Geschöpfe auf Erden. D.h. die Welt war nicht immer da; sie hat einen Anfang gehabt. Sie ist auch nicht von selbst entstanden. Sie kommt von Gott: Gott hat Himmel und Erde quasi aus dem Nichts hervorgebracht. Er erfüllt seither dieses Leben und ist überall gegenwärtig; alles gründet sich in Ihm. Er ist die Schönheit und Herrlichkeit, die Wahrheit und Treue, die Güte und Liebe, die unausweichliche Gerechtigkeit und überfließende Barmherzigkeit ... und der Mensch ist dazu angelegt, sich das Wahre, Schöne und Gute zu Eigen zu machen. Denn Gott liebt die Welt und will nicht, dass sie wieder zunichte werde. Er sorgt dafür, dass sie fortbesteht, so dass der Mensch sich Seiner gütigen Führung täglich neu anvertrauen kann: Gott lenkt den Lauf der Welt, die Geschicke der Völker und das Leben jedes einzelnen Menschen. Alles Gute können wir als Sein Geschenk betrachten. Dass dem so ist, erkennen wir an der Stimme des Gewissens. Sie sagt uns, was gut und was böse ist. Das Gewissen spricht zu uns, ob wir es wollen oder nicht. Wir haben uns das Gewissen nicht selbst gegeben; wir haben es auch nicht von anderen erhalten. Ein heiliger Gesetzgeber und gerechter Richter muss es uns ins Herz gelegt haben. Er erleuchtet unseren Verstand mit besonderem Lichte und stärkt unseren Willen mit besonderer Kraft. Er gibt uns Anteil an Seinem eigenen göttlichen Leben: Somit ist dem Menschen die Fähigkeit des Denkens gegeben - des Denkens mit bestimmten Gesetzen, Regeln, Operationen; ebenso die Logik. In der Ausgestaltung und Anwendung ergibt sich ein logischer Formalismus, ein logischer Apparat als starkes, unentbehrliches Mittel der Wissenschaft. Es besteht nunmehr die Aufgabe, diesen Apparat zweckdienlich zu entwickeln, betriebsfähig zu halten und sinnvoll einzusetzen. Doch gerade hier spiegelt sich unsere Antwort, die wir dem Schöpfer geben, wider: Unsere Städte sind zweck-, aber nicht auch liebe- und damit sinnvoll gebaut. Denn ohne Liebe ist jeder Zweck, jedes Leben, sinnlos. Unsere Aufgabe auf Erden besteht also darin, Gott zu erkennen und immer besser kennen zu lernen, Ihn aus ganzem Herzen zu lieben, Ihn anzubeten und Ihm mit allen Kräften zu dienen. Jesus sagt ( Johannes 17, 1-3 ): "Das ist das ewige Leben, dass sie Dich erkennen, den allein wahren Gott, und den Du gesandt hast, Jesus Christus." Wenn wir zu Gott beten, so vereinigen wir uns mit Ihm und lernen Ihn inniger lieben. Wir verstehen Seine Fügungen besser und lernen, die irdischen Dinge richtig einzuschätzen. Wir werden gegen das Böse gestärkt und bekommen Freude am Guten. Wir werden in der Trübsal getröstet, und in der Not wird uns geholfen. In dieser Anbetung liegt die entscheidende Kraft ( Matthäus 4, 10 ), die jedoch die moderne Wissenschaft nicht messen kann. So entsteht eine Gesellschaft, wo der Tüchtige mehr zählt als der Liebesfähige ... und die Welt füllt sich mit sinnlosen Zweckmäßigkeiten. Diese zweckvolle Technik hat unsere Städte steril gemacht: Betontürme mit glotzenden Lichtlöchern statt mit schauenden Fenstern, in welchen die Seelen verhungern und die Kinder in der phosphoreszierenden Finsternis der Fernsehschirme nach Liebe schreien. Diese technokratischen Wohnagglomerationen – durch den Computer konzipiert - sind keine Stätten der Begegnung, keine Städte mehr. Sie strotzen von Zweck und mangelnden Sinn, sie sind erfüllt vom futuristischen Design, das reich an Haben und arm an Sein ist. Im ersten Brief Johannes heißt es ( 1. Johannes 2, 16 ): "Alles, was in der Welt ist, Fleischeslust, Augenlust und Hoffart des Lebens, stammt nicht vom Vater." Kurzum, diese Architektur ist das Gegenteil von einer menschenverinnigenden Stadt mit ihren verwinkelten Gassen und verborgenen Plätzen, mit ihren Fenstern, die liebevoll auf Höfe und Plätze schauen, mit Steinen, die zu bergenden Gewölben gebogen sind, mit Strassen, die keine Autorennbahnen mehr sind, weil sie durch Stätten der Begegnung führen, die zum Verweilen einladen und den Abschied schwer machen, wo Eile und Geschwindigkeit als Lüge erkannt wird. Die Lieblosigkeit der modernen Technik macht alles zu groß und vernichtet die Heimat. Heimat ist nie monumental, daher sind Paläste und Wolkenkratzer zu groß, als dass man sie umarmen könnte. Das Monumentale ist weltliche, das Kleine ist himmlische Größe. Die irdische Kleinheit der himmlischen Größe ist die Größe in der ewigen Heimat, wo der Kleinste der Größte und der Letzte der Erste sein wird - ein Geheimnis, das uns Christus auf Erden vorgelebt hat. Es ist klar, dass dies der Welt ein Dorn im Auge ist, und dass dadurch auch Christus – als er mit seinem Predigtdienst begann - auf Argwohn und Ablehnung stieß. Mehrfach verbanden sich religiöse und politische Anführer, um Ihn zu ergreifen und zu töten. Er aber heilte die Kranken, gab den Hungrigen zu essen, liebte die Ungeliebten, lehrte die Unwissenden und tat Wunder unter denen, die Ihm nachfolgten. Wir jedoch bemühen uns heutzutage um den Fortschritt der Wissenschaften. Wir versuchen mit aller Kraft, Wissen zu erlangen – so als wenn wir glauben, je mehr wir wüssten, um so bessere Lösungen könnten wir für unsere Probleme finden und eine um so größere Hoffnung für die Menschheit vermitteln. Doch im Grunde genommen geht es doch nicht darum, mehr Wissen zu erlangen, sondern darum, Gott besser kennen zu lernen und ihm ähnlicher zu werden. Somit ist der Weg der Zukunft ein mit Orten des Verweilens bereicherter Weg. Denn keiner kommt ohne Zeiten der Stille vor Gott aus. Keiner! Nur welchen Termin streichen wir dafür in dieser Welt? Denn Verweilen benötigt Zeit - und die Wahrheitsfindung lässt sich nicht mit Zeitgewinnmaschinen bewerkstelligen. Es gibt eben keine zwei Wahrheiten, eine geistliche und eine weltliche. Die geistliche Wahrheit ist die einzige Wahrheit. Der Prophet Elia sagt hierzu sinngemäß ( 1. Könige 18, 21 ): "Wie lange wollt ihr auf beiden Seiten hinken? Wollt ihr wirklich noch Jahwe, dem Gott der Väter, als eurem Herrn gehorchen, oder habt ihr euch schon längst dem heidnischen Baal verschrieben?" Durch die Worte des Propheten Elia und durch die großen Wunder, die er mittels der Gnade Gottes vollbrachte, offenbarte sich Gott den Menschen. Er predigte durch Elia dem ungläubigen Volk: Die Abhängigkeit von Mir ist keine Zeitverschwendung. In unserer heutigen Zeit versuchen jedoch die Technokraten immer mehr, die von ihren Maschinen verursachten Probleme mit noch mehr, noch größeren und noch schnelleren Maschinen zu lösen. Wenn man bedenkt, dass im 13. Jahrhundert die Wissenschaft noch ein heiliges Experiment war, das zur Verherrlichung Gottes dienen sollte, so ist – nach christlichem Verständnis – heutzutage nur noch das übrig geblieben: Alles ist erlaubt, was nicht gegen die Lehre der Bibel verstößt! Dies ist jedoch ein neuer Ansatz: Die freie Wissenschaft steht jetzt an erster Stelle. So kommt es, dass in allen Gebieten des modernen Lebens die Beherrschung des logischen Denkens zum Erfordernis wird. Der Computer zwingt uns sogar dazu, sich in dieser Fähigkeit des exakt-logischen Denkens fortgesetzt zu schulen und auszubilden. Durch dieses sich extrem verengende Formaldenken wird aber auch das freie, wahrhaft schöpferische Fließen der Gedanken erstickt. Es kommt zur Verautomatisierung des Menschen – nicht nur in seinen Lebensgewohnheiten, sondern auch in seinem Nachsinnen. Unter all den Computern und Automaten fällt wohl zukünftig dem Menschen die Rolle des großen Super-Automaten zu – ja ein schrecklicher Fluch wird deutlich: Wer sich in den Raum der Automaten begibt, um sich über die Automaten zu erheben, macht sich selbst zum Automaten. Verstärkt wird also unser Leben aus dem Geist der modernen Wissenschaft heraus entworfen und gestaltet. Griff zum Beispiel früher der Architekt zu Papier und Bleistift, kann er heute seine Grundrisse nicht nur am Computer skizzieren, sondern aus ihnen sofort und ohne Umstände Wände hoch wachsen lassen. Per Knopfdruck können diese virtuellen Räume von allen Seiten betrachtet werden und in einer simulierten Kamerafahrt lässt sich auch ihr Inneres durchwandern. Man spricht in diesem Zusammenhang von Cyberspace, wo digitale Designer mit Hilfe des Rechners Gebäude generieren, deren Realisierung früher undenkbar war. Was würde wohl ein Zimmermann von vor ca. 2000 Jahren zu dieser Bauweise heute sagen? Würde er nicht sagen: Ihr seid von der unsichtbaren, lebensgestaltenden Wahrheit abgewichen und betet nunmehr mit eurer Architektur nur noch die äußeren, sichtbaren Formen an. Eine solche Verehrung der äußeren Formen ist aber auch in der heutigen Theologie wiederzuerkennen: Diese hat sich in viele Formen spezialisiert und strukturiert, wobei das Wissen der mit den äußeren Formen angedeuteten inneren Gnade verlorengegangen ist: Man kennt die Bedeutung der Formen nicht mehr. Für den außenstehenden Betrachter kommt es dann so vor, als ob man den Wald vor Bäumen nicht mehr sieht, aber in der eng begrenzten Sichtweite des Spezialisten jeder das ihn jeweils umgebende Dickicht in allen Einzelheiten zu beschreiben versteht. Das theologische Denken wird durch diesen Wald der Fachdoktrinen hemmungslos strapaziert, maßlos kompliziert, und die Sprache unverständlich. Wohlgemerkt: Es handelt sich hier um das Denken und die Sprache einer Wissenschaft, die ihrem Wesen nach nicht nur die intelligenten, sondern schlechthin alle Menschen erreichen müsste - Arbeiter ebenso wie Minister und Wissenschaftler. In Ermangelung der Verständlichkeit bleiben die Menschen führungslos auf sich selbst gestellt. Überall wuchert der religiöse Eigenbau, von dem sich der Intellektuelle dürftig nährt, während der Kleine verhungert. Steril und weltfremd, gerät die Theologie in eine erschreckende Isolierung. Da der Mensch jedoch nicht leben kann ohne zu glauben, hat im Zeitalter der Wissenschaft der Glaube an die Wissenschaft in dem Maß zugenommen, wie der Glaube an Gott abgenommen hat. Und da das 21. Jahrhundert mehr eine Zeit der Macher als der Denker zu werden scheint – es wird immer mehr gerechnet und immer weniger gedacht - wird die Intelligenz ohne Liebe zu einem Werkzeug des Widergöttlichen. Wenn der nach Liebe hungernde Fjodor Dostojewski ( 1821-1881 ) sagt, dass die Schönheit die Welt retten wird, so meint er ein Denken, welches das Sinnvolle vor das Zweckvolle, das Schöne vor das Praktische, das Sein vor das Haben, das Ewige vor dem bloßen Diesseits stellt. Denn Schönheit kann man erst dann begreifen, wenn sie Ewigkeit geworden ist, das heißt: Teil hat an ewiger Schönheit. Die Schönheit hat also nur dann ihren Platz, wenn sie nicht ein subjektives, ästhetisches Empfinden, sondern Struktur der Ewigkeit ist. Dies war auch einmal der Ansatz der Wissenschaften. Daran entzündet sich aber heute der Streit. Denn die Welt will aus den Menschen nicht Gott-Liebende, sondern Tüchtige machen, die im darwinistischen System der Technokraten zu überleben vermögen. Man übersieht dabei, dass die Evolution des wahren Menschseins nur in Gott stattfindet. Ohne ihn können wir nichts tun. Es geht in der ewigen Schönheit immer um das Leben und nicht um das nackte Überleben, denn die ewige Schönheit ist sogar bereit, ihren eigenen Sohn in die Welt zu senden, um "zu suchen und zu retten, was verloren war" ( Lukas 19, 10 ). Somit sind es gerade die Liebenden - und nicht die Tüchtigen –, die im Gebet durch Gottes Geist errettet werden können: Gott ist barmherzig und will, dass auch wir Barmherzigkeit erlangen ... und weil Gott Geduld mit uns hat, sollen auch wir Geduld mit anderen haben. Gott kann also überall da im Menschen Wohnung nehmen, wo man es zulässt, dass Seine Ewigkeit in die Zeit eindringt. Selbstverständlich schließt die ewige Schönheit die Tüchtigkeit in der Welt nicht aus, aber sehr oft sind die Tüchtigen weniger liebesfähig. Jesus sagt: "Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, ich preise Dich, dass Du dies Klugen und Weisen verborgen, Kleinen aber geoffenbart hast. Ja, Vater, so war es Dir wohlgefällig." Mit dem Worte Gottes zieht uns die Ewigkeit zu sich hinauf und wir spüren etwas davon, dass unsere eigentliche Berufung die Schönheit bei und durch Gott ist. So schlägt in diesem Moment bei einem jeden seine "Damaskus-Stunde" und sein Leben wird zu einem Zeichen der Ewigkeit: Durch die Liebe Gottes wird die Ewigkeit in der Zeit gegenwärtig, so dass in diesem Menschen vergleichbar ein Licht aufgeht, welches den Saulus vor Damaskus zum Paulus erleuchtete: Wissenschaft ohne Liebe und Gebet ist bloße Wisserei. Es bleibt also festzustellen: Es wird bei keiner Tätigkeit so wenig gebetet wie in der modernen Naturwissenschaft ... und alle Taten des Zwecks, des Habens, sind sinnlos, wenn sie nicht vom Sein der Liebe getragen werden. Denn Gott ist die Liebe und Er liebt uns von Ewigkeit her. Weil Gott uns liebt, dürfen auch wir Ihn lieben ... und Er verlangt danach, dass wir einmal ganz mit Ihm ver- einigt werden. In der Welt werden jedoch wegen der Lieblosigkeit die Reichen immer Reicher und die Armen immer ärmer. Im Prolog des Johannes-Evangeliums heißt es hierzu über den Herrn ( Johannes 1, 4-5 ): "In Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis – und die Finsternis hat es nicht ergriffen." Ein Heiliger ist somit ein Mensch, der zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit sucht und dem dann alles übrige dazugegeben wird. Ihm ist es gegeben, das Leben aus Gottes Perspektive zu sehen – auch wenn er Gottes Fügungen auf Erden oft nicht vollständig begreifen kann. Gott sagt ( Jesaja 55, 8-9 ): "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, Meine Wege sind nicht eure Wege. So hoch wie der Himmel über der Erde ist, so hoch sind Meine Wege über euren Wegen und Meine Gedanken über euren Gedanken." Gott ist unendlich erhaben über alles Geschaffene. "Er wohnt in unzugänglichem Lichte" ( 1. Timotheus 6, 16 ). Kein Geschöpf kann Ihn schauen, wenn Gott sich ihm zeigt; niemand kann Ihm nahen, wenn Gott ihn nicht zu sich emporhebt. Gott ist heilig. Darum ist es würdig und recht, dass Engel und Menschen Ihn anbeten. Gott ist aber auch über alles Böse unendlich erhaben. Er liebt immer das Gute, weil Er selbst gut und vollkommen ist. Demgegenüber stehen jedoch die reinen Materialisten: Sie suchen immer nur das ihrige, die Materie; Gott können sie nicht suchen, weil sie Ihn leugnen. Sie sind der Meinung, dass die Welt bloß falsch programmiert sei und dass sie Mittels von Computern richtig programmiert werden müsse. ( Es ist nicht schwer zu erraten, wer im Besitz des richtigen Programms ist. ) Leider ist unser Geistesleben von dieser materialistischen Betrachtungsweise allzu sehr durchdrungen. Im Vordergrund steht hierbei immer der Aktivismus, die Tat, wie dies Johann Wolfgang von Goethe ( 1749-1832 ) in seinem "Faust" treffend dargestellt hat:
"Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort! / Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? / Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, / Ich muss es anders übersetzen,/Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. / Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. / Bedenke wohl die erste Zeile, / Dass deine Feder sich nicht übereile! / Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? / Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft! / Doch auch indem ich dieses niederschreibe, / Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe. / Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat / Und schreib getrost: Im Anfang war die Tat!"
Nur das Messbare hat in dieser Wissenschaft den Rang des Erwiesenen und jede Messung ist eine Handlung – eine Tat. Dadurch herrscht in der wegen ihrer materiellen Erfolge alle übrigen Wissenschaften dominierenden Naturwissenschaft der Primat der Handlung, der Machung, der Tat. Im Volksmund heißt diese Methode: Probieren geht über Studieren. Wir halten nur das für wirklich, was wir messen können. ( In gewisser Weise stand auch die Urgemeinde vor diesem Zwiespalt ( Apostelgeschichte 6, 1-4 ) ). Eine solche materialistische Entwicklung konnte aber nur geschehen, weil etwas in der Naturwissenschaft völlig ausgeschlossen wurde: die Kraft des Gebetes. Je mehr wir die Welt durch die moderne Technik in eine Maschine verwandeln, um so unfreier wird sie. Sie wird zur berechenbaren Materie, in der ein Gebetsleben kein Platz mehr hat. Denn Beten heißt: sich lieben lassen von Gott, der uns in Seiner Liebe ewig selig machen und die ganze Welt mit himmlischer Herrlichkeit erfüllen will. Ist nicht unsere ganze Kultur aus dieser Haltung des Glaubens an die Liebe und deren Verwirklichung im Reiche Gottes erst hervorgegangen? Wir müssen Gott über alles lieben - und diese Liebe zeigt sich darin, dass wir oft an Ihn denken, gern mit Ihm sprechen und in allem Seinen Willen erfüllen. Es heißt ( 1. Johannes 5, 3 ): "Darin besteht die Liebe zu Gott, dass wir Seine Gebote halten." Eine solche Gottesliebe zeigt sich aber auch vor allem in der Nächstenliebe: Wer den Nächsten nicht liebt, hat auch keine wahre Liebe zu Gott, denn jeder Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen worden und ist zur ewigen Seligkeit berufen. Wir dürfen niemand von unserer Liebe ausschließen – ja sogar unsere Feinde sollen wir lieben. Wenn uns jemand beleidigt hat, sollen wir die Hand zur Versöhnung bieten und von Herzen verzeihen. Hat nicht Gott uns viel mehr zu verzeihen? Gegen die Liebe sündigen jene, die keine oder zuwenig Liebe zum Nächsten haben. Sie beten nicht für ihre Mitmenschen, kümmern sich nicht um sie, sind lieblos, unfreundlich oder grob gegen sie, kränken sie oder verbittern ihnen gar das Leben. – Wer dem Nächsten eine Gabe Gottes nicht gönnt, zum Beispiel: Gesundheit, Begabung, Reichtum, Ehre und Glück, sündigt durch Neid. – Wer sich über das Unglück des Nächsten freut, sündigt durch Schadensfreude. – Noch schlimmer verletzt die Liebe, wer sich an seinem Nächsten rächt. – Die schlimmsten Sünden gegen die Nächstenliebe sind Feindschaft und Hass. Darum gilt es: Jeden Tag ein kleines Werk der Nächstenliebe! Und wie? Ganz einfach: Helfen, teilen, Freude machen. Gott gibt uns hierzu die Inspiration in den Sinn: der Mensch empfängt die geistigen Anregungen aus dem jenseitigen Bereich und kommt dadurch zu Entdeckungen, die nicht aus ihm entstanden sind. Wenn man zum Beispiel bei der Arbeit um Erkenntnis bittet, so ist es die jenseitige Welt, die einem dabei unterstützt. Und noch einmal: Eine Wissenschaft des "ora et labora" können sich die meisten Wissenschaftler überhaupt nicht vorstellen. Schon gar nicht, wenn von einem Verhältnis eins zu eins zwischen Gebet und Arbeit die Rede ist; Forschungsstätten, die sowohl Oratorien als auch Laboratorien sind, wo zuerst gebetet und dann gearbeitet wird, sind für den gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb ebenso unvorstellbar wie die Tatsache, dass die Wissenschaftler vielleicht einmal nicht für Geld, sondern – wie es früher hieß – um Gottes Lohn beziehungsweise zur Ehre des Höchsten arbeiten. Beten wir denn nicht im Vaterunser, dass Sein Name verherrlicht und gepriesen werde, dass Sein Reich komme und Er allein über uns herrsche, dass Sein heiliger Wille nicht nur von den Engeln und den Heiligen des Himmels erfüllt werde, sondern auch von den Menschen auf Erden? Doch noch weit ist man entfernt von der Einheit von Wissenschaft und Religion, Verstand und Glauben. Was also den heutigen Menschen fehlt, ist der
Jesus nahm sich diese Zeit. Die Liebe drängte Ihn, zum Vater zu beten. Oft verließ Er die Menschen, um in der Stille mit Seinem Vater zu sprechen; manchmal betete Er die ganze Nacht hindurch. In Seinem Herzen glühte allezeit die Flamme des Gebetes. Nichts wird jedoch mehr diskutiert und weniger praktiziert als das Gebet. So kommt es zum Kampf eines Jeden gegen Jeden, zu Hass und Neid, zu Gewalttat und Terror, zu Angst und Grauen. Es entsteht der Drang, allbeherrschend zu sein: das jeweils Andere, den jeweils Anderen zu überwinden und sich zu sichern. Die furchtbarsten Kriege der Geschichte und die schrecklichsten Verfolgungen zu allen Zeiten haben diese Wurzel. Gott will dies nicht. Er will uns stattdessen Anteil an seiner unwandelbaren Ruhe geben. Er will uns teilnehmen lassen an seiner Schöpfung, so dass wir mit ihm über alles und zu jeder Zeit sprechen können: Beten ist unser Vorrecht, das wir allen anderen Lebewesen dieser Erde voraus haben. Somit ist Gott nicht ein kosmisches Prinzip, nicht ein Gesetz, sondern lebendige Personalität und freier Gesetzgeber. Er ist die Person, die jeden von uns kennt und liebt. Somit wird unser persönliches Gebet nicht allein durch die wissenschaftlich messbare Länge ausschlaggebend, sondern vor allem durch die Tiefe. Aurelius Augustinus ( 354-430 ) sagt hierzu: "Nur der weiß recht zu leben, der recht zu beten weiß." Er sagt dies, weil er weiß, dass Gott uns nicht nur ins Angesicht, sondern auch ins Herz schaut; Gott vernimmt nicht nur unsere Worte, sondern auch unser innerstes Flehen ... So sollen wir beharrlich beten, denn auch Christus hat am Ölberg nicht aufgehört zu beten; Er verharrte im Gebet, obwohl Seine Seele bis zum Tode betrübt war. Von daher spielt für Gott das Innere, das Geistige, eine wichtigere Rolle als das Äußere, das Irdische. Wir erkennen es daran, dass das Leben Jesu nicht von langer Dauer, aber von um so größerer Tiefe war: Sein Erdenleben zielte allein auf das Ewige hin ... und so kam auch mit Ihm etwas – für den wissenschaftlichen Verstand - völlig Unerwartetes: Aus Liebe gab Er für die sündige Welt Sein Leben hin. So wurden wir durch Ihn erlöst und zu Kindern Gottes. Christus sagt hierzu ( Matthäus 16, 25 ): "Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch, wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren, wer es aber verliert, wird es gewinnen."
In Liebe
|